3 Jahre danach – von Bonn zurück ins (Arbeits-)Leben

Kerstin BlumensteinAllgemein 1 Comment

Ich sitze gerade im Zug zurück nach St. Pölten. Zum ersten Mal seit 5 Jahren war ich allein für 4 Tage auf Dienstreise im Ausland – die Colitis hatte mich ja schon lange vor der OP ausgebremst. Okay, es war nur Bonn. Aber die Anreise ist lang: rund 10 Stunden mit dem Zug – wenn alles gut läuft, versteht sich.

Spoiler: Bei der Hinfahrt kam ich nur 15 Minuten zu spät an – trotz dreimal Umsteigen auf andere Verbindungen. Und die Verspätung begann schon in Österreich. Die Deutsche Bahn ist also nicht an allem schuld 😎 Über die Rückfahrt kann ich noch nicht viel schreiben, außer 15-minütige spätere Abfahrt in Bonn 😅

Lange war es still hier. Im letzten Beitrag habe ich von den ersten Tagen nach der OP erzählt – heute gibt’s den Sprung in die Gegenwart.

Kommen wir aber zurück zu dem Fakt, dass ich mich jetzt erst das erste Mal wieder getraut habe, solch eine Reise auf mich zu nehmen. Die Mehrheit von Euch wird denken, ist doch eh kein Problem – 1 Tag mit Zug hin, 2 volle Workshop-Tage, dann wieder 1 Tag mit Zug zurück – easy. Für mich war es (und ist es auch noch immer) eine Herausforderung.

Rückblick: Rehageld und Reha

    Was ist aber geschehen nach der OP? Zunächst war unklar, wie es finanziell weitergeht. Die Entscheidung über die Berufsunfähigkeit (zumindest die vorübergehende, in Österreich geht es hier um die Entscheidung, ob Rehageld gewährt wird), war noch nicht gefallen, die Krankengeldzahlungen waren beendet und da ich noch in einem aufrechten Dienstverhältnis war, fühlte sich niemand (weder AMS noch Krankenkasse) verantwortlich. Glücklicherweise kam die Entscheidung ziemlich zeitnah nach meiner Entlassung aus dem Krankenhaus. Es wurde negativ für die dauerhafte Berufsunfähigkeit aber positiv für die medizinische Rehabilitation entschieden. Und damit wird das sogenannte Rehageld ausgezahlt – unbefristet, aber mit jährlicher Begutachtung.

    Dezember 2023 & Januar 2024 hatte ich dann einen Rehaaufenthalt als Anschlussheilverfahren nach der OP in Bad Aussee und im Oktober 2024 in Aspach. An den ersten in Bad Aussee kann ich mich kaum noch erinnern. Den Aspach-Aufenthalt habe ich in keiner guten Erinnerung. Ich bin kranker zurückgekommen als ich hingefahren bin. Er war mental schwierig, weil ich das Gefühl hatte, dass es nicht gut gepasst hat, der Speisesaal war sehr laut und in Gruppeneinheiten zu trainieren, deren Niveau und Lebenssituation weit von meiner entfernt waren, hat mir mental nicht wirklich geholfen.

    Ganz im Gegenteil dazu war der Erholungsaufenthalt in Bad Ischl im Mein Tisserand im Juli 2025. Hier hatte ich wirklich das Gefühl, dass auf meine Bedürfnisse und meinen Gesundheitszustand eingegangen wurde und noch dazu hat das Haus eine wirklich geniale Stomatherapeutin. Da bin ich Euch noch einen separaten Beitrag schuldig, den ich schon seit dem Aufenthalt über die verschiedenen Stoma-Beutel schreiben wollte.

    Zurück im Job – aber anders

    Dieser Aufenthalt hat mir also wirklich einen positiven Schub gegeben. Danach hatte ich mich doch tatsächlich getraut wieder Vollzeit zu arbeiten, zunächst noch mit Urlaubsabbau – der Plan war mindestens einen Tag in der Woche Urlaub zu nehmen und so meine Stunden besser auf die Woche verteilen zu können, so dass ich nicht gleich jeden Tag 8 Stunden arbeiten muss. Gleichzeitig haben wir meine Tätigkeiten so gewählt, dass ich nicht wieder voll als Dozentin arbeiten muss – das heißt auch nicht so viele vorgegebene Lehrveranstaltungen, die schwer zu verschieben sind, wenn es doch mal nicht so gut geht. Ich bekam zusätzlich zu meinem Lehrjob auch die Möglichkeit das Gender & Diversity Management im Bereich Behinderung zu unterstützen – zunächst vor allem, in dem ich Studierende mit Behinderung beriet und bei Nachteilsausgleichen unterstützte. Im Lehrjob begleitete ich die Medientechnikstudierenden im Berufspraktikum, was sich sehr gut flexibel einteilen lässt, und zusätzlich unsere MediaLabs im Projektcoaching – hier handelt es sich um Kleingruppenarbeit, die sich durchaus auch mal verschieben lässt – musste ich aber nie.

    Mit Wintersemester 2026 konnten wir meine Lehrtätigkeit etwas ausdehnen, ich habe eine Gruppe unserer Erstsemestrigen über 2 Tage im Teamtraining zu Beginn des Semesters begleitet und ich halte auch wieder eine Vorlesung, hier habe ich mich allerdings für die Online-Variante entschieden.

    Was ich über meine Grenzen gelernt habe

    Über die letzten Monate habe ich gelernt, dass ich gut wieder Vollzeit arbeiten kann, wenn ich nicht jeden Tag einen vollen Terminkalender habe – also meine Arbeit möglichst flexibel einteilen kann. Und wenn es mal einen oder zwei (mehr sollten es nicht sein) volle durchgetaktete Tage gibt, dann sollten die Tage danach wieder freier sein in der Einteilung. Was passiert, wenn ich nicht darauf achte? Bei mir zeigt es sich deutlich am Tinnitus. Den bekomme ich nicht während der Aktivität, sondern erst in der Ruhephase nach einer zu großen Anstrengung. Das kann auch schon ein Restaurantbesuch sein, bei dem es um mich herum lauter war – oder eben auch eine etwas lautere Einheit in einer Großgruppe.

    Wenn ich darauf achte, geht mittlerweile schon wieder recht viel. Dieses Jahr habe ich zwei Weiterbildungen absolviert: einen Zertifizierungslehrgang als Behindertenvertrauensperson und ein Kompetenztraining für Barrierefreiheitsbeauftragte.

    Im November 2025 wurde ich zur Vertreterin der Mitarbeiter*innen gewählt, die zum Personenkreis der begünstigten Behinderten gehören. Und als Barrierefreiheitsbeauftragte setze ich mich für die USTP (Hochschule für Angewandte Wissenschaften St. Pölten) dafür ein, dass Barrierfreiheit in möglichst allen Bereichen mitgedacht wird. Und vielleicht fast noch wichtiger: Barrierefreiheit hört nicht dabei auf, dass Rollstuhlfahrer*innen durch die Eingangstür kommen.

    Beide Weiterbildungen fanden in kurzen Blöcke in Wien statt. Was ich daraus über mich gelernt habe: Ein voller Tag Wien mit Hin- und Rückfahrt ist ok. Ein zweiter ist schon eine Herausforderung. Drei sind zu viel.

    Und genau deshalb: die Dienstreise

    Und genau das macht eine Dienstreise weiter weg dann doch wieder zur Herausforderung. Die Zugfahrten sind jetzt nicht unbedingt immer durchgängig entspannt – und dann noch zwei volle und anstrengende Workshoptage. Warum tu ich mir das dann an? Ich wollte unbedingt die Weiterbildung zu einer Methode machen, die ich von einem Kollegen kennengelernt hatte, und die ich schon zusammen mit ihm erfolgreich in der Projektcoaching-Lehrveranstaltung angewendet hatte. Da ich ihn nicht dauerhaft zu meinen Unterrichtseinheiten dazunehmen kann, war klar, ich will zu der Weiterbildung, um die 3D Welten Methode auch selbst einsetzen zu können. In Wien ist der Workshop leider nicht zustande gekommen. Der nächstmögliche Termin war dann in Bonn. Und so kam es dann zur Dienstreise nach Bonn. Auch wenn ich noch nicht zu Hause angekommen bin, ich bereue die Entscheidung nicht. Es war ein sehr spannender Workshop, aus dem ich sehr viel für meine Lehre mitgenommen habe – ich muss ja ehrlich gestehen, dass mich solche Coaching/Facilitation-Weiterbildungen für die Lehre mittlerweile mehr reizen als Weiterbildungen aus dem didaktischen Bereich. Danke an Janek und auch die anderen Workshop-Teilnehmer*innen.

    Die Workshoptage waren anspruchsvoll und ich war froh am Abend im Hotelzimmer meine Ruhe zu finden und ja, hier hat sich der Tinnitus gemeldet – auch schon am Abend der Ankunft. Aber und das hat mir Mut gemacht, in der Nacht nicht und auch nicht am Morgen oder tagsüber.

    Gut vorbereitet: 1. Klasse und Kopfhörer

    Wie habe ich mich jetzt möglichst gut auf die Reise vorbereitet? Um vollen Zügen etwas entgegenzuwirken, habe ich 1. Klasse gebucht, es war die richtige Entscheidung. Kopfhörer auf und es ist nicht so viel los an dem einen Ende des Zuges. Laut den sehr unterhaltsamen Lautsprecherdurchsagen des Zugbegleiters, der im IC2040 nach Stuttgart allein zusätzlich zu seinen eigentlichen Aufgaben sogar auch noch das Bordrestaurant in kurzen Zeitabschnitten wuppt (Danke für dieses Engagement), scheint das am anderen Ende des Zuges nicht unbedingt so zu sein.

    Reisegepäck mit Stoma

    Aber da war noch etwas – ich habe ja ein Stoma. Und das bedeutet ich muss zusätzlich zu den Sachen, die jede*r so mitnimmt auch noch meine Versorgung einpacken. Ich wechsele täglich meine komplette Versorgung, und zwar abends – bei 3 Nächten im Hotel also mindestens 3 Beutel. Dann nochmal die gleiche Anzahl als Ersatz. Glücklicherweise habe ich zur Zeit keine Probleme mit Leckagen, aber der Körper kann ja immer unvorhersehbar reagieren. Das Stoma ist lebendig, kann sich zurückziehen. Spoiler: Es ist nichts passiert. Zusätzlich zu den vorgestanzten Beuteln kommen dann noch folgende Sachen:

    • Entsorgungsbeutel
    • Pflasterentfernerspray zum leichteren Ablösen der Platte
    • Pflasterentferner-Tücher, um die Klebereste restlos von der Haut zu entfernen
    • unsterile Kompressen, um das Stoma grob zu säubern
    • Wattestäbchen, um direkt um das Stoma einfach sauber zu machen
    • Stomapaste, die auf die Platte kommt, um mögliche Lücken zwischen Stoma und Platte aufzufüllen
    • Puder, Schere und modellierbare Hautschutzringe zur Sicherheit

    Ich habe eine Tasche, die ungefähr so groß ist wie eine mittelgroße Waschtasche, in die alles reinpasst, aber sie nimmt halt zusätzlichen Platz weg und ein wenig Gewicht kommt auch dazu.

    WCs unterwegs – im Zug und im Hotel

    Und dann kommen die vielen verschiedenen WCs. Da ich ja doch schon ein paar verschiedene Aufenthalte in Österreich oder auch im Urlaub gemeinsam mit meinem Mann hatte, war das nicht so das Thema. Außer die WCs im Zug. Die sind doch recht eng. Ich hab ehrlich gesagt nicht geschaut, wo ein barrierefreies WC im Zug ist bzw. ob der jeweilige Zug eins hat. Auf den normalen WCs sind die WC-Schale und der WC-Sitz in jedem recht klein. Ich setze mich immer ganz weit nach hinten auf den WC-Sitz und entleere dann den Beutel – man kann sich vorstellen, was es bedeutet, wenn der Beutelinhalt direkt ins Wasser plumpst. Das versuch ich in jedem Fall immer zu verhindern und das wiederum bedeutet oft, dass der Beutelinhalt an der WC-Wand klebt, dann hoff ich immer, dass die Spülung super geht. Weil in Zügen gibt es keine Klobürste… Es gab Züge, da musste ich die Spülung mehrmals bedienen und dann sogar noch nachwischen, was nicht so genial ist.

    Im Hotel ist es gewöhnungsbedürftig, wenn der Mistkübel (Österreichisch für Mülleimer) keinen Deckel hat. Zuhause habe ich einen Windeleimer im WC stehen. Bisher hatte ich vorher oft nachgefragt, ob sie einen geschlossenen für das WC haben. Dieses Mal habe ich es drauf ankommen lassen. Er war natürlich offen. Da ich immer abends wechsele, liegt dann also der Entsorgungsbeutel die Nacht über im offenen Mistkübel im WC. Es hat sich gezeigt, dass es keine komischen Gerüche am Morgen gab und wenn er dann durch den Zimmerservice täglich geleert wird, geht es auch so.

    Rückfahrt mit Hindernissen: Stuttgart

    Mittlerweile habe ich in Stuttgart den Zug in Richtung München gewechselt (auch nicht pünktlich wegen einer behördlichen Maßnahme aber nur 10 Minuten zu spät). Am Bahnhof in Stuttgart wurde ich von sehr gut ausgerüsteten Polizist*innen inkl. Diensthunden empfangen und auf dem Abfahrtsbahnsteig durfte ich mir auch eine grölende Fußballfanmenge anschauen. Das war für mich sehr befremdlich, wenn in einer Halle eine doch etwas größere Menge den gesamten Bahnsteig einnimmt, auf dem man da gerade auf seinen Zug wartet, zwar umrahmt von Polizist*innen, aber sehr lautstark. Mein Körper hat echt angefangen zu zittern und ich war froh als das Ganze dann vorbei war. Für Menschen, die auf Reize stark reagieren, ist so eine Situation kaum zu vermeiden, wenn man einfach nur auf seinen Zug wartet. Da würde ich mir wünschen, dass man solche Züge auf Bahngleisen ankommen lässt, wo vielleicht nicht unbedingt gleich am Nachbarbahnsteig ein Fernverkehrszug abfährt. Jetzt sitze ich im sehr ruhigen Ende des Zuges und beende diesen Beitrag.

    Fazit

    Eins steht für mich jedenfalls fest: Vor der OP hätte ich so eine Reise nicht machen können. Jetzt muss ich mehr nachdenken und genauer planen . wann, wie und mit welchen Pausen ., damit ich sie möglichst entspannt und ruhig schaffe. Aber es geht wieder. Ich kann behaupten: Ich bin zurück im Arbeitsleben.

    Und während ich das schreibe, habe ich Tränen in den Augen. Vor Freude – und vielleicht auch vor Respekt vor dem Weg, der hinter mir liegt.

    Comments 1

    1. Du bist unglaublich 🤗,
      und ich wünsche dir, dass du diesen deinen Weg weiterhin so gehst voller Liebe, Hochachtung und Dankbarkeit dir und deinem Körper gegenüber und in der Gewissheit, dass dich auch stets Liebe begleitet.

    Schreibe einen Kommentar

    Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert